Festredner  

Glocken haben eine grosse Bedeutung


Die diesjährige 1.-August-Feier stand im Zeichen der 50-Jahr-Feier der katholischen Pfarrei und der Ökumene.
In seiner Festansprache hob der reformierte Pfarrer David van Welden die Bedeutung der Glocken hervor.

 

 

Bericht Willisauer Boote

 

 

Fotos Augustfeier


 


 

Festansprache am 1. August 2018 in Nebikon

von: David van Welden, Ref. Pfarrer


Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger

Wir haben heute ein ungewohntes Thema für unsere Bundesfeier, aber es scheint mir, dass uns allen klar ist, wieso gerade dieses Thema gewählt worden ist: Heute genau vor 50 Jahren wurden die Glocken in unserem Dorf zum ersten Mal geläutet. Selbstverständlich wollen wir dafür danken. Wir staunen aber auch, was eine kleine Pfarrei vor 50 Jahren zustande gebracht hat.

Wir fragen uns auch: Weshalb wollten die Nebikerinnen und Nebiker im Jahr 1968 überhaupt noch Glocken haben? Im Jahr 1968 wohnte man in Nebikon nicht hinter dem Mond, jeder Einwohner hatte damals sicher eine Armbanduhr. Jeder konnte damals in der Zeitung nachlesen, wann und wo der nächste Gottesdienst stattfinden würde. Dafür brauchte es keine Glocken.

Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Pfarrei Nebikon über zu viel Geld in der Kasse verfügte. Gewiss glaubten die Nebiker damals auch nicht mehr, wie im Mittelalter, mit den Glocken unliebsame Geister abwehren zu können.

Aber ein neuer Geist, der von einigen vielleicht als beunruhigend wahrgenommen wurde, wehte sehr wohl in jenem Jahr. Mit den Studentenunruhen in Paris und anderen Städten Europas wurden alte Strukturen aufgebrochen und vieles wurde hinterfragt. Es war der Anfang einer grossen Öffnung und Demokratisierung der Gesellschaft.

Die Nebikerinnen und Nebiker haben sich von diesem neuen Geist, der seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den Sechzigern auch in der katholischen Kirche wehte, begeistern lassen. Sie bauten mit grossem Elan eine moderne Kirche, die mit den neuen Formen in Stein und Beton deutlich macht: Uns geht es an erster Stelle um die Menschen, die hier feiern wollen.

Und doch haben die damaligen Nebiker sich gleichzeitig für so etwas Archaisches und Urchiges wie Kirchenglocken entschieden. Das scheint ein Widerspruch zu sein und es lohnt sich, zu fragen, was die Nebikerinnen damals dazu bewegt haben könnte.

Aber zuerst möchte ich noch kurz etwas über die Entwicklung der Glocken erzählen. Die haben nämlich eine spannende Geschichte:

Wenn man fragt: «Wer hat’s erfunden?», muss ich leider mit Schmerz im Herzen sagen: «Wir waren’s nicht». Wir Schweizer sind zwar für unsere Kuhschellen berühmt geworden, aber Glocken gab es schon lange bevor die Schweiz entstanden ist.

In China wurden bereits vor 5000 Jahren Glocken gegossen. Sie wurden von den Kamelen in der Wüste Gobi getragen, sie kamen aber auch in religiösen Ritualen zum Einsatz. Aus China kamen die Glocken über Ägypten nach Rom. Auch den Römern war es wichtig, ihre Haustiere im Gebüsch finden zu können.

Aber es waren Mönche, die die Glocken nach Westeuropa brachten. Sie wurden zuerst nur in Klöstern benutzt. Aber Kaiser Karl der Grosse war ein grosser Glockenfan und liess die Glocken in seinem ganzen Reich läuten! Das zeigt schon, dass die Glocke in Europa nicht nur ein religiöser Gegenstand war. Sie wurden nicht nur zu den Betstunden geläutet. Sie hatten viele Funktionen für die ganze Gemeinschaft und dienten nicht nur den Gläubigen. Die Sturmglocke einer Stadt hat zum Beispiel die Bevölkerung vor dem nahenden Feind oder einem bedrohlichen Feuer gewarnt. In der Stadt Bern wurde bei einer Hinrichtung immer mit der Armesünderglocke geläutet.

Glocken waren für eine Stadt unverzichtbar, vergleichbar mit dem Radio und Fernsehen von heute. Wer in einer mittelalterlichen Stadt die Macht an sich reissen wollte, besetzte immer zuerst den Kirchenturm, dieser stellte den Informationskanal für die ganze Bevölkerung dar.
Wer die Glocken läutete, hatte die Macht.

Bis heute spielen die Glocken eine Rolle im öffentlichen Leben. Sie werden noch immer in verschiedenen Kantonen am Anfang einer politischen Session geläutet. Vielerorts hat man früher die Glocken gehört: Auf dem Pausenplatz der Schule, beim Feuerwehrgebäude, aber auch viele Fabriken hatten ihre eigene Glocke.

In Baden bimmelte die Glocke der Firma Brown Boveri immer um zwölf Uhr und leitete damit die Mittagspause ein. Sie wurde aber auch schon am Anfang des Arbeitstages geläutet: Innerhalb von zwei Minuten mussten die Arbeiter dann ihre Karten stempeln. Im Verkehr war überall die obligatorische Veloklingel zu hören.

Da möchte ich auch eine persönliche Erinnerung mit Ihnen teilen: Ich wohnte früher in einem Pfarrhaus, das bereits im 16. Jahrhundert gebaut wurde. Dieses Pfarrhaus verfügte nicht über eine elektrische Klingel, sondern bei der Eingangstüre hing eine richtige Bronzeglocke mit einem Klöppel, der von einem Stahlseil, das durch die dicken Mauern geführt wurde, bewegt wurde. Wenn Besucher manchmal ein bisschen energisch am Glockenzug zogen, gab’s nur eins: So schnell wie möglich runter rennen, denn dieses Geläute war wirklich ohrenbetäubend und unerträglich!

Die Glocken haben viele Jahrhunderte das öffentliche Leben geordnet und bestimmt und so scheint es mir nur richtig zu sein, sie auch mal als Thema für eine Bundesfeier zu wählen.

Aber zurück zu unseren Nebikerinnen und Nebiker im Jahr 1968. Was hat sie damals dazu bewogen, in ihrer modernen Kirche Glocken aufzuhängen? Wäre es möglich, dass sie sich noch lebhaft daran erinnerten, wie still es während des Zweiten Weltkriegs in Europa geworden war?

Die Nationalsozialisten hatten nämlich fast alle Kirchenglocken in Deutschland, 47’000 an der Zahl, zu Kanonen eingeschmolzen. Desgleichen taten sie oft auch in allen Ländern, die von ihnen besetzt und erobert worden waren: In Belgien, Holland, Frankreich, Dänemark, Italien usw. wurden 33’000 Glocken eingeschmolzen.

Es war sehr still geworden in den Dörfern Europas, als der Wahnsinn des Krieges endlich zum Stillstand kam. An wenigen Orten war nur noch die Totenglocke, die einzige, die übrig geblieben war, zu hören. Es ging den Nationalsozialisten nicht nur ums Material für ihre Kanonen. Sie wollten auch gezielt erreichen, dass die Kirchen zu ihren grauenvollen Verbrechen schweigen würden. Vielleicht wissen die älteren Nebikerinnen und Nebiker noch sehr gut, welche Gefühle das Glockengeläut am 8. Mai 1945 in ihnen ausgelöst hatte: Erleichterung, Freude, Hoffnung, die sich kaum in Worten fassen liessen.

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger. Es gibt noch eine weitere Verbindung zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den Glocken. Eine der beliebtesten Schweizer Radiosendungen ist nämlich während des Krieges entstanden. Es gibt sie heute noch. «Glocken der Heimat», heisst sie.

Der Bundesrat wollte im Jahr 1938 - als Teil der geistigen Landesverteidigung - mehr schweizerische Sendungen im Radio. Am Anfang waren immer die Glocken des Zürcher Münster zu hören. Im Laufe der Zeit wurde daraus eine Sendung, in der jede Glocke der Schweiz schon einmal zu hören war.

Jede Glock ist nämlich ein Unikat und jede tönt wieder ein bisschen anders. Die Fachleute der Sendung sprechen zum Beispiel vom fröhlichen Geläute der reformierten Kirche in Mellingen, vom ruhigen Geläute des Berner Münsters, vom heimeligen Geläute der Glocken in Wichtrach.

So ist das eben bei uns in der Schweiz: Es gibt ganz unterschiedliche Läutkulturen und auch ganz verschiedene Traditionen. Jeder darf seine Glocke auf seine Art und Weise läuten lassen.

Das Wallis zum Beispiel hat richtige Carillons. Das Tessin kennt ein ganz eigenes Läuten, weil die Glocken dort auf einem Rad montiert werden, das sich dreht, bis die Glocke komplett Kopf steht. Das ergibt einen urtümlichen Rhythmus. Die Glocken im Tessin spielen zu bestimmten Zeiten sogar ganze Melodien.

In reformierten Gegenden wird um elf Uhr und um drei Uhr geläutet. Um elf Uhr, weil zu dieser Stunde Jesus ans Kreuz geschlagen worden sein soll und um drei, weil er zu dieser Stunde gestorben sei.

In katholischen Gegenden läutet man dann wieder um zwölf Uhr, der Stunde des Angelus-Gebet. Und von Karfreitag bis Ostermorgen schweigen in katholischen Gegenden alle Glocken und erinnern so an die Grabesruhe des Herrn. So tönen in jedem Dorf die Glocken wieder ein bisschen anders. Glocken sind im wahrsten Sinne die unverwechselbare Stimme der Heimat.

In unserem Dorf ertönt die Taufglocke, wenn ein Kind getauft wird. Die gleiche Glocke wird aber auch geläutet, wenn ein Mitbürger gestorben ist. Die Schutzengel-Glocke ertönt vor einem Trauergottesdienst. Und wenn wir einen geliebten Verstorbenen zum Grab begleiten, wird mit allen Glocken gleichzeitig geläutet. Wenn wir heiraten, wird auch mit allen Glocken geläutet.

Die Marienglocke reisst uns am Morgen aus dem Schlaf und schickt uns in die Schule. Am Abend lässt sie uns merken, dass es wohl Zeit wird, Feierabend zu machen. Am Samstag bringen die Glocken uns die Vorfreude auf den Sonntag, wenn sie diesen einläuten.

So schlagen die Glocken den Takt unseres Lebens, sie sind uns wie ein Herzschlag. Darum vermute ich, dass die Nebiker Glocken viele von uns an besondere Momente in unserem Leben erinnern. Vielleicht Erinnerungen aus der Jugendzeit oder Erinnerungen an entscheidende Momente in unserem Leben, die sich für immer eingeprägt haben. Sie erinnern uns womöglich auch an liebe Menschen, die uns fehlen.

So entsteht ein Gefühl von Heimat. Da erstaunt es nicht, dass ein Unbekannter mal folgenden Kommentar zu der Sendung «Glocken der Heimat» geschrieben hat: «Ein Dorf ohne Glockenklänge am frühen Morgen oder an einem schönen Sommertag ist ein Dorf ohne Seele.»

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger. Ich möchte zu einem Schluss kommen. Wir leben gerade in einer eigenartigen Zeit, in der so manches in Bewegung geraten ist, was wir für unverrückbar gehalten haben.

In der internationalen Politik wird die bisherige Ordnung in Frage gestellt. Bündnisse und Verträge scheinen ihr Gewicht zu verlieren. Manchmal scheint es, wie wenn nur derjenige, der am lautesten schreit und schimpft, droht und erpresst, sich in den Beziehungen zwischen Staaten durchsetzen kann.

Das ist gerade für einen Kleinstaat wie die Schweiz, die auf das internationale Recht, die Zuverlässigkeit der Verträge und geordnete Beziehungen zwischen Staaten angewiesen ist, doch sehr beunruhigend. Themen wie Ausgleich, internationale Zusammenarbeit und eine faire Weltordnung scheinen immer weniger wichtig zu werden.

Auch bei uns in der Schweiz ist der Umgangston in der Politik bedeutend härter geworden. Es gibt in vielen Parteien Politiker, die anstands- und rücksichtlos politisieren und sich mehr um ihr eigenes Wohl als ums Gemeinwohl kümmern.

Auch deshalb schein es mir wichtig, dass wir uns an der heutigen Bundesfeier erinnern, was die Nebikerinnen und Nebiker im Jahr 1968 erreichen wollten. Sie hatten ein gemeinsames Ziel: Eine eigene Kirche, eine eigene Pfarrei und auch eigene Glocken. Sie hofften, dass ihr Dorf so noch stärker als zuvor zu einer Gemeinschaft werden könnte.

Sie wussten, dass die Glocken die Stimme der Heimat sind, dass Glocken einem das Gefühl vermitteln können, einen Ort zu haben, wo man dazugehört. Das wollten sie sich leisten. Um ihr Ziel zu erreichen, haben sie im wahrsten Sinn des Wortes «alle am gleichen Strick» gezogen: Die Kinder und Jugendlichen, die die Glocken in den Kirchenturm zogen, mussten dies im Gleichtakt machen, wenn es gelingen sollte.

Die Nebikerinnen und Nebiker im Jahr 1968 haben sorgfältig geplant und haben ihre finanziellen Mittel sorgfältig eingesetzt. Jeder und jede trug seinen/ihren Teil dazu bei. An zwei Bazaren sammelte man damals die unglaubliche Summe von über 100.000 Franken.

Sie wollten mit ihrem Glockenturm nicht angeben, sondern haben ihn vielmehr aufs Funktionale beschränkt, weil sie bewusst bescheiden bleiben wollten. Als die Glocken in Aarau gegossen wurden, achtete man sorgfältig darauf, dass es keine Misstöne gab: Der Klang der Nebiker Glocken sollte sich in die Klänge der Glocken der Nachbardörfer einfügen. Alle Glocken der Region sollen in Harmonie ertönen. Das bedeutet: Die Nebiker haben auf andere Rücksicht genommen.

Sie nahmen auch auf Minderheiten Rücksicht. Schon bald haben auch die reformierten Mitbürger in der neuen Kirche Gastrecht bekommen. Damals wurde nicht nur das Fundament einer Kirche gelegt, es wurde auch das Fundament der grossen Offenheit in unserer Dorfgemeinschaft gelegt, die wir heute so schätzen. Dass ich eingeladen wurde, heute als Gastredner zu Ihnen zu sprechen, scheint mir doch von diesem Geist der Toleranz und Offenheit zu zeugen, die sich die damaligen Nebiker für ihre Dorfgemeinschaft wünschten.

Zusammenstehen, am gleichen Strick ziehen, beharrlich, aber gleichzeitig auch bescheiden und tolerant sein, Rücksicht nehmen auf andere, vorsichtig planen und zum Geld schauen, das sind alles gut eidgenössische Tugenden. Es sind Tugenden, die die Schweiz zu dem Land gemacht haben, das wir lieben und wo wir zu Hause sind. Könnten das nicht auch die Tugenden sein, die wir auch heute in unserer Zeit wieder brauchen?

Ich danke der Dorfgemeinschaft Nebikon ganz herzlich für die Einladung, an der heutigen Bundesfeier die Festrede zu halten. Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, Ihnen danke ich ganz herzlich fürs Zuhören. Ich wünsche Ihnen eine schöne Bundesfeier. Vielen Dank.

David van Welden

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